Die Kurzanleitung zu mehr Kreativität
Beitrag von Christoph Magnussen. Foto von zettberlin / photocase.com
Im Gegensatz zu vielen anderen Fähigkeiten und wichtigen Aufgaben ist Kreativität absolut unverzichtbar und vor allem nicht delegierbar. Kreativität ist das Fundament einer jeden guten Geschäftsidee und damit die Grundlage für ein erfolgreiches Unternehmen. Kreativität sorgt dafür, das ganze Branchen umgekrempelt und Wettbewerber im Regen stehen gelassen werden. Ausserdem würde das Leben ohne Kreativität nur halb so viel Spaß machen.
Genau daher sollten wir Kreativität nicht nur einem kleinen Kreis verrückter Erfinder überlassen, die sich in ein Labor einschließen und nach 10 Jahren Forschung endlich die Lösung für die Rohstoffknappheit haben. Leider glauben wir aber viel zu häufig, kreative Prozesse genau auf diese Weise auslagern zu können. Denken ist ja auch echt anstrengend. Wenn wir morgens ins Büro hetzen und erstmal gestresst im ersten Meeting sitzen, dann ist es meist auch schon um unsere kreativen Ausbrüche geschehen. Wir haben dann “Wichtigeres” oder “Dringenderes” zu tun, als uns mit “verrückten Ideen” zu befassen. Oder haben wir einfach nur Angst davor, als kreative Chaoten abgestempelt zu werden? Schließlich hat man ja einen seriösen Job zu machen!
“Heureka – ich hab’s!”
Kreativität ist eine der letzten menschlichen Bastionen. Denn trotz künstlicher Intelligenz und Google-Anwendungen für jede Lebenslage, gibt es eine Eigenschaft, die kein Computer (nicht mal ein Mac) auf diesem Planeten ersetzen kann. Das ist die Fähigkeit ganz plötzlich aus heiterem Himmel heraus, einen guten Einfall zu haben – einen Geistesblitz. Meistens passiert das in einer Situation in der wir entspannt sind und gar nicht an ein bestimmtes Thema gedacht haben. Vielleicht hat man gerade vor sich hingedöst, ist aufgewacht oder hat an einem anderen Projekt gearbeitet und muss sich auf einmal ganz schnell Notizen zu seiner spontanen Eingebung machen. Ein grandioses Gefühl.
Zwar kann man einen Geistesblitz nicht erzwingen, aber wir können uns zum Beispiel eine Umgebung schaffen, die es wahrscheinlicher macht, einen Geistesblitz zu haben. Zum Beispiel kann man genau wie Autoren, die an mehreren Stehpulten gleichzeitig arbeiten und Einfälle zu ihren Büchern haben, während sie an anderen Texten schreiben, bestimmte Tage blocken, an denen man es sich bewusst offen hält, an welchem Projekt man arbeiten möchte. Das können durchaus drei bis vier völlig unterschiedliche Projekte sein. Dann liegt vielleicht ein Buch mit Notizen auf dem Küchentisch, auf dem Rechner im Arbeitszimmer ist ein Dokument zu einem anderen Projekt geöffnet, am Whiteboard ist ein erstes Mindmap zu einer neuen Geschäftsidee aufgemalt und auf dem Fußboden liegen die Charts für eine Präsentation. An Tagen, an denen ich beispielsweise so arbeite, starte ich meistens morgens gemütlich mit einer Tasse Kaffee und der Tageszeitung. Nach ein paar Minuten habe ich den ersten Einfall für eines der Projekte. Danach geht es Schlag auf Schlag und ich wechsle von Station zu Station, wie beim Zirkeltraining im Sport-Unterricht. Aber auch Spazierengehen, Sport oder einfach mal entspannen helfen dabei kreativer zu sein und Geistesblitze zu haben. Deswegen kommen uns gute Ideen auch oft im Urlaub oder beim Feiern.
Es gibt erfolgreiche Firmen, die ihre Mitarbeiter dazu motivieren, genau solche Geistesblitze in entspannten Momenten festzuhalten. In den Entwicklerbüros von Google gibt es zum Beispiel neben viel Spielzeug immer ein riesiges Whiteboard auf dem so viel wirres Zeug steht, dass man meint Salvatore Dali höchstpersönlich hat Hand angelegt. Die Entwickler dürfen hier alles “draufschmeissen” was ihnen einfällt. Auch Dinge, die gar nichts mit ihrer eigentlichen Aufgabe zu tun haben. Die Kollegen lassen sich später wiederum von den Wortschnipseln inspirieren und kommen so vielleicht auf eine neue Idee. Nicht mal die “Ich-hab-für-alles-eine-Lösung”-Suchmaschine und Internet-Übermacht Google schafft es also, die Fähigkeit des Geistesblitzes vom Mensch auf die Maschine zu übertragen. Schön, dass Zettel und Stift immer noch reichen.
“Nu stellen wir uns mal janz dumm…”
Wenn wir wirklich kreativ sein wollen, dann sollten wir uns von den geltenden Konventionen und Grenzen frei machen. Neudeutsch würde man sagen: “Out of the Box” Denken. Man schaue sich Kindern an, die kein Problem damit haben, Fragen zu stellen, die wir uns als Erwachsende nie zu stellen trauen würden. Die Blöße möchte sich ja keiner geben.
Gerne genommen, die “Warum”-Frage. Alles und jeder wird von Kindern mit einem “Warum?” hinterfragt, ohne dass sie sich Gedanken darüber machen, ob es eine blöde Frage sein könnte. Genau das ist aber das Geheimnis von “Out of the Box” Denkern. Sie stellen auch mal seltsame Fragen und schauen aus einer völlig anderen Perspektive auf eine Problemstellung, ohne sich dafür zu schämen oder zu rechtfertigen. Menschen, die sich diese kindliche Leichtigkeit erhalten, haben einen großen Vorteil gegenüber ihren Mitmenschen. Während sich die Kollegen noch über die lustige Frage amüsieren, sind die Kreativen längst schon bei einer nie bedachten Lösung des Problems.
Vor ein paar Tagen erzählte mir ein guter Freund, dass sein siebenjähriger Sohn ihn gefragt hat: “Papa, sag mal wie seid ihr eigentlich ins Internet gekommen, als es noch keine Computer gab?” Interessante Frage, die wir uns doch nie stellen würden, da sie ja gar keinen Sinn macht, oder? Ich wette, die Produktentwicklungsabteilung von Appel hat sich die gleiche Frage gestellt: wie kommt man ins Internet, wenn man keinen Computer hat? Apple’s Lösung dafür heißt iPad.
“Kombiniere, Watson! Gar keine schlechte Idee.”
Geistesblitze und Out of Box Denken – das lässt den Eindruck entstehen, dass Kreativität ein höherer geistiger Akt ist. Nur die biblische Schöpfung ist noch schwerer in Worte zu fassen. Dabei sind erfolgreiche Ideen und Konzepte heute häufig “nur” alter Wein in neuen Gläsern. Ok vielleicht ist das zu abwertend formuliert, aber im Grunde genommen geht es darum, vorhandene Muster aufzubrechen und geschickt neu zu kombinieren. Schon zu Schumpeters Zeiten zählten Unternehmer weniger zu den Erfindern, als mehr zu geschickten Kombinierern vorhandener Produktionsmethoden. Was in der Theorie so einfach klingt, ist in der Praxis durchaus anspruchsvoll und nicht jedem in die Wiege gelegt. Während meines Studiums hatte ich aber die Gelegenheit genau dafür eine sehr einfache Methode kennenzulernen.
Man nehme ein vorhandenes, allgemein bekanntes Konzept (bspw. “Restaurant”) und zerlege es in alle Einzelteile. Und zwar so richtig. Also alles aufzählen, was einem dazu so einfällt: Kellner, Speisekarte, Rechnung, Tische, ein romantischer Abend, man geht ausser Haus, Weinkarte etc. Nun greift man sich einen Aspekt raus. Nehmen wir mal “Kellner”. Jedes gute Restaurant hat Kellner, ansonsten reden wir eher von einem McDonald’s oder einer Mensa. Ja Moment, warum können wir denn nicht die Vorteile einer Mensa (zentrale Kasse, wenige Kellner, wenig Bargeldaustausch an den Tischen, lockere Atmosphäre) mit denen eines guten Restaurants (angenehme Atmosphäre, hochwertiges Essen, ein Ort an den man gerne ausgeht) kombinieren? Genau das musste sich Mark Korzilius gedacht haben, als er 2002 das erste Vapiano eröffnet hat. Im Vapiano bekommen die Gäste beim Betreten des Restaurants eine Chipkarte auf der die Bestellungen gespeichert werden. Das Essen bestellt sich der Gast selbst an einer der offenen Küchenzeilen, an denen das Essen showreif und vor allem frisch zubereitet wird. Die Einrichtung ist sehr hochwertig und die Olivenbäume, die man in jedem Vapiano neben einer eigenen kleinen Pasta-Fabrik findet, wirken modern und strahlen italienisches Flair aus. Beim Hinausgehen zahlt der Gast die Rechnung auf Basis seiner Bestellungen auf der Chipkarte. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: eine gute Sache! Und mit fast 70 Restaurants weltweit und über 40 Mio. EUR Umsatz muss man zugeben: Gar nicht schlecht kombiniert!
“Es interessiert nicht was es kann, sondern was es nicht kann.”
Weglassen ist ganz klar die Königsdisziplin der Kreativen. Streichen, reduzieren, auf das Wesentliche beschränken. Mit wenigen Strichen und minimalistischen Formen ein großartiges Produkt erschaffen – das wollen heute fast alle. In der Theorie klingt es wieder so schön einfach: man nehme ein vorhandenes Produkt und beginne es, wie beim Kombinieren in die Einzelteile zu zerlegen und streiche dann einfach ein Feature nach dem anderen weg.
Ok gehen wir die Praxis an. Nehmen wir mal einen alten Kassettenrecorder (für alle, die nach 1980 geborenen sind, hier ein Link wie so etwas aussieht) und streichen die Aufnahmefunktion, die Lautsprecher, das Mikro, die Bänder sowie den Kabelanschluss weg. Was rauskommt war das wichtigste Statussymbol der 80er Jahre, der Sony Walkman. Er konnte nicht aufnehmen, er brauchte extra Kopfhörer, die Bänder wurden in Kassetten verpackt und man musste ihn mit Batterien betreiben – er wurde ein Welterfolg. Nun nehmen wir auch noch die Kassetten weg, entfernen alle überflüssigen Tasten, produzieren Kopfhörer ohne Bügel und bekommen – violà – den iPod (für alle die vor 1980 geboren sind: einfach mal die Augen aufmachen und morgens in der S-Bahn auf die weißen Ohrstöpsel achten, da hängt meistens ein iPod dran). Das der iPod ein Welterfolg geworden ist, brauche ich wohl nicht näher zu erläutern. Bei Apple gehört Minimalismus zum festen Bestandteil der Produktentwicklung. Was nicht absolut überlebensnotwendig ist, wird gestrichen.
Aber nicht nur Steve Jobs hat die Fähigkeit minimalistisch zu denken. Ein besonders kreativer Kopf unter den Minimalisten war der Automechaniker und spätere Modeschöpfer Louis Réard. 1946 reduzierte er den klassischen Badeanzug mit viel Stoff auf vier Dreiecke und ein paar Kordeln. Der Bikini war geboren. Weniger Stoff und mehr Diskussionsbedarf. Zumindest bis in die wilden 60er Jahre hinein, als die sexuelle Revolution den guten Louis vom Sündenbock zum Helden einer ganzen Generation gemacht hat.
Kreativität ist also weder eine göttliche Eingebung, noch tritt sie nur zufällig auf. Statt sich hinter seinen wichtigen Aufgaben zu verstecken und verkrampft seriös zu wirken, sollte man sich also auch mal wieder den Freiraum lassen, Dinge auszuprobieren, zu spinnen oder einfach mal blöde Fragen zu stellen. Bahnbrechende Ideen, wie den Walkman, den iPod oder den Bikini gäbe es sonst nicht. Und man stelle sich eine Welt ohne Bikini vor – schrecklich.
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