Schluss, Ende, Aus – über die Kunst des Scheiterns
Beitrag von Christoph Magnussen. Foto von john krempl / photocase.com
Vor einiger Zeit hatte ich mal erwähnt, dass ich nicht glaube, dass ein Gründer zwingend einmal in seinem Leben gescheitert sein muss. Zwar schafft es nicht jeder Unternehmer völlig frei von Hindernissen nach oben, es gibt aber sehr viele, die es so geschafft haben. Alle Welt glaubt, dass Scheitern und Gründen unweigerlich zusammengehören, dabei halte ich persönlich die beiden für kein besonders gutes Paar. Wie kann es also sein, dass manche Menschen mit Leichtigkeit und scheinbar ohne Niederlagen durch´s Leben kommen? Keine einfache Frage, aber die Antwort ist simpel: Das Geheimnis liegt in der Perspektive.
Für den Unternehmer gehören Höhen und Tiefen zum Alltag dazu. Es ist Teil des Spiels, auf das er sich eingelassen hat. Man hat sich selbst dafür entschieden und weiß, was das bedeutet. Viele andere Menschen dagegen streben (durchaus legitim) nach einem sorgenfreien Leben und versuchen Risiken, Ängste bzw. Gefahren zu minimieren. “Cover-Your-Ass”-Strategien in Großkonzernen, E-Mail‘s per CC schicken, um sich abzusichern und auf alles, was man besitzt eine Versicherung abschließen. Das sind nur drei Beispiele dafür, wie Risiken vermieden werden sollen.
Es ist auch die Angst vor dem Scheitern an sich, die zum Scheitern selbst führt und Menschen davon abhält etwas zu wagen. Daher ist es an der Zeit, den bösen Dämon des “Scheiterns” zu entzaubern!
“Scheitern gehört zum guten Ton” vs. “Scheitern=Schande”
In den USA gehört es zum guten Ton, dass ein Unternehmer, mindestens einmal in seiner Karriere eine dicke Pleite hingelegt haben muss. Es gibt sogar VC`s, die ihre Kandidaten danach filtern und diejenigen nicht zu den Pitches zulassen, die noch keine Total-Pleite vorweisen können. Jason Fried hat sich zu dem Thema im letzen Jahr schon ausgiebig geäussert und ich kann ihm durchaus beipflichten, dass es nicht sinnvoll ist, ein solches Gedankengut in die Köpfen junger Gründer zu verankern. Die mentale Einstellung, die jungen Gründern dort mit auf dem Weg gegeben wird, ist eigentlich ein Unternehmen zum Scheitern zu gründen. Wer aber den Wettkampf antritt und dabei an eine Niederlage denkt, wird nie zu den Gewinnern zählen.
Das zweite Extrem ist die Meinung zum Scheitern hierzulande. Anders als in den USA ist Scheitern in Deutschland immer noch eine Schande. Insolvenz – igitt! ”Mensch Junge, mach doch einen normalen Job. Die anderen machen das doch auch. Und dann erst der Lebenslauf. Wie sieht das denn aus?” Was da spricht ist die pure Angst. Die Angst vor dem Gesichtsverlust oder nicht genug Geld zum Leben zu haben. Diese Einstellung ist ebenso wenig sinnvoll. So starten also die einen (USA) mit einer falschen Einstellung zum Gründen und die anderen (Deutschland) starten erst gar nicht. Nicht etwa, weil sie glauben, dass sie es nicht können, sondern aus der puren Angst davor eine Niederlage und damit den Gesichts- und Sicherheitsverlust hinnehmen zu müssen. Das ist sehr traurig, denn was soll einem jungen Unternehmer in Deutschland bei unserem auf Absicherung aufgebauten System schon passieren. Sogar eine Totalpleite ist aufgrund des Insolvenzrechts geregelt. Aber Insolvenz ist ja „igitt“ und daher eine Schande. Sehr schade!
Man ist immer selbst Schuld – IMMER
Na klar gibt es tausend Gründe, auch viele wirklich gute, dass ein Vorhaben nicht so funktioniert hat, wie es angedacht war. Die Krise, der Geschäftspartner, die Bürokratie, die Steuern, die zu blöden Kunden, der zu wenig entwickelte Markt usw. Jeder Unternehmer, der so durchs Leben geht, lügt sich in die Tasche. Wir steuern alles was wir tun selbst. Wir haben uns für den Markt entschieden und wir haben unsere Mitarbeiter eingestellt. Und wenn uns die Bürokratie stört, dann sollten wir überlegen, ob es nicht ein Land auf der Welt gibt, das weniger bürokratisch ist und uns mit offenen Armen empfängt. Vielleicht ist unser Geld dort sogar noch mehr wert als hier.
Also kurz gesagt, wir haben uns selbst dafür entschieden, diesen Weg zu gehen. Es hat uns niemand gezwungen und auch niemand verlangt von uns, dass wir auf ihn hören. So sind es aber auch wir, die selbst für ein vermasseltes Vorhaben geradestehen müssen. Erstaunlicherweise suchen wir in solchen Situationen den Fehler immer bei anderen, anstatt bei uns. Dabei wäre das der erste Schritt, um mit einer unliebsamen Situation umzugehen. Ohne Einsicht keine Besserung.
Natürlich kann man auch einfach mal richtig Pech haben und auch gibt es (ohne Frage) sehr harte Schicksale. Aber ein Unternehmer kann nicht langfristig erfolgreich sein, wenn er durch‘s Leben geht und den Fehler bei anderen sucht. Morten Lund, einer der ersten Investoren von Skype und Serial-Entrepreneur ist, nachdem er $ 50 Mio. auf der Bank hatte, nach einer Pleite mit $ 20 Mio. privat verschuldet gewesen und hat es mit einem Augenzwinkern auf den Punkt gebracht: „I totally fucked everything up myself“!“
Rückschläge machen weise
Was ich allerdings definitv glaube, ist, dass Rückschläge (Rückschlag ist übrigens ein schönerer Begriff als Niederlage, es ist nicht so endgültig) dabei helfen, einen Moment innezuhalten und darüber nachzudenken, was man eigentlich gerade tut. Menschlich gesehen ist das also ein wichtiger Prozess und daher sicherlich auch für Unternehmer “hilfreich”, um in weiteren Krisen- oder dann auch Erfolgs-Situationen nicht den Kopf in den Sand zu stecken bzw. abzuheben. Weniger Überheblichkeit hilft uns dabei offen für Neues zu bleiben und nicht ständig alles besser zu wissen als andere Menschen. Menschen die schon einmal gescheitert sind haben also auch weniger Hemmungen von anderen Menschen und deren Erfahrungen zu lernen. Und wer diese Fähigkeit besitzt, dem kann man nur gratulieren, denn jedes Gespräch, jeder Artikel, jede Begegnung, jedes Unternehmen bringt ihn weiter.
Wenn man rausfinden will, welche Unternehmer um uns herum diese Fähigkeiten besitzen, muss man lernen „einfach mal die Schnauze zu halten“ und zuzuhören, statt mit seinen großen Erfolgen und Erlebnissen zu prahlen. Es lohnt sich!
Fakt ist, dass es dort wo gegründet wird auch Pleiten gibt, sogar einige. Das wird keiner verhindern können. Echte Niederlagen gibt es nur wenige, es sind meistens Pläne oder einzelne Vorhaben, die misslingen, also lediglich Rückschläge auf dem Weg nach oben. Was allerdings “oben” ist, muss jeder für sich selbst definieren. Hat man das geschafft, dann ist es kein Problem Krisenzeiten zu überstehen. Winston Churchill hat das in der wahrscheinlich kürzesten Rede aller Zeiten ziemlich gut zusammengefasst: “Never, never, never, never give up!” Nur der, der aufgibt scheitert und wer gar nicht anfängt bekommt nicht mal die Chance dazu.
Wer etwas zum Thema zu sagen hat, kann das gerne über Facebook machen.

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